Eine Schule mit Geschichte

Über die Geschichte des Gymnasiums am Waldhof berichten Festschriften, Mitteilungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler sowie einzelne Beiträge. Unsere Schule wurde 1828 als private Töchterschule und erste Mädchenschule in Bielefeld im Zuge einer allgemeinen Verbesserung des Schulwesens gegründet. Die Schulgründung war ein Ausdruck der Anstrengungen christlicher und jüdischer Familien in Bielefeld, auch ihren Töchtern eine gute Schulbildung zu vermitteln. Im Verlauf ihrer Geschichte ist sie ein Spiegelbild der Geschichte unserer Stadt.
Die Auseinanderssetzungen, die in der Stadt zwischen den Befürwortern konservativer und liberaler Grundsätze ausgetragen wurden, ließen die Schule nicht unberührt. Kurz nach den Märzereignissen 1848 sollte ein Vorfall an der Schule am 13. Januar 1855 zum Vorwand ihrer Schließung werden. In einem Klassenzimmer hatte die Französischlehrerin eine «theatralische Produktion» getätigt, indem man eine Szene aus der "Bibliothèque amusante de la jeunesse" aufführte. Während der Schulleiter diesen aus heutiger Sicht geradezu modernen methodischen Schritt eines auf Anwendung gerichteten Unterrichts als "Ausdruck von kindlicher Unbefangenheit und Gewandtheit im Ausdruck" entschuldigt, kritisierte die Behörde dies als "An- und Aufregung der Eitelkeit und der Gefallsucht" und drohte unter Hinweis auf den "Geist und der ihm entsprechenden weltförmigen Lebensauffassung" kurzerhand mit Schließung der Schule. Die Stadt übernahm, um dem vorzubeugen, die Schule 1858 als fortan städtische Anstalt in ihre Trägerschaft. Einige Eltern sahen in der Kritik der Behörde auch den Ausdruck eigenen Unwillens und meldeten im Frühjahr 1855 nach der Theateraufführung ihre Töchter ab, um eine weitere Mädchenschule in Bielefeld zu gründen. Beide Mädchenschulen waren für eine lange Zeit auch ein Ausdruck unterschiedlicher politischer und evangelisch-kirchlicher Orientierung der Bürgerschaft. Gelegentlich trat dieser Gegensatz auch bei Wahlen zum Schulvorstand hervor. Dieser entschied u.a. über Lehrpläne, Personalien und die Geldmittel der Schule. Frei von staatlicher Bevormundung "konnten den Schülerinnen Unterrichtsangebote gemacht werden, wie sie sonst nicht möglich gewesen wären. Beispielsweise veranstaltete der Direktor Dr. Gerth (1888 - 1911) kunsthistorische Studienfahrten in die Städte der näheren Umgebung. Um bei den «höheren» Töchtern Verständnis für die Arbeit in den Fabriken zu wecken, sorgte er für Schulführungen, etwa in der Gasanstalt, in der Glashütte, in einer lithographischen Anstalt und in der Maschinenfabrik Calow & Co (1889/90). Bis 1892 organisierte er Ferienkurse, damit seine Schülerinnen etwaige Wissenslücken ausfüllen konnten; auf Elternsprechtagen war der Unterricht öffentlich, um den Eltern Einblicke in den Schulalltag zu geben." (Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. II, S. 202)
1893 wurde die städtische Mädchenschule als einzige Bielefelder Schule zur Teilnahme an der Weltausstellung in Chicago aufgefordert. Preisgekrönt kamen die Arbeiten der Bielefelder Schülerinnen zurück. Hatten die Eltern noch im Jahre 1853 selbst für die Errichtung eines Schulgebäudes gesorgt, so schuf 1881 die Stadt für ihre Töchterschule das Gebäude in der Viktoriastraße.

 

1932 besuchten 362 Schülerinnen, davon 18 aus jüdischen Familien die Schule. Am Morgen des 10. November 1938 erlebten die Schülerinnen die Zerstörung der gegenüber der Schule liegenden jüdischen Synagoge. Die zuletzt noch 7 jüdischen Schulerinnen wurden der Schule verwiesen. Bei einem Luftangriff am 30.9.1944 wurde das Schulgebäude völlig zerstört. Erst 1955 konnte wieder ein eigenes Schulhaus (Waldhof 8) bezogen werden. Dieses Gebäude ist geprägt von dem Gestaltungswillen der Nachkriegszeit. Es bietet in geradezu klassischer Weise mit modernen Formen ein Heim für das Lernen und Schulleben.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts erhielt die Schule den Namen der Kaiserin Auguste Viktoria und wurde 1909 gründlich umgestaltet. Eine „Studienstufe“, die in drei Jahren zum Abitur und damit zur Universität führte, trat an die Stelle der Lehrerinnenausbildung. Die erste Abiturprüfung fand im Jahre 1914 statt. 1947 wurde die Auguste Viktoria-Schule umbenannt in Bavink-Schule. Bernhard Bavink (1879 - 1947) war von 1912 bis 1944 Lehrer an der Schule; er unterrichtete Mathematik und Naturwissenschaften. Seine zahlreichen Veröffentlichungen waren naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Themen gewidmet. Nach kontrovers geführter Diskussion um die Person und das publizistische Werk Bavinks wurde die Schule zum 1. August 1996 umbenannt in "Gymnasium am Waldhof". Das Mädchen-Gymnasium wurde 1969 ein Gymnasium für Jungen und Mädchen. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt das Ratsgymnasium. Beide Schulen ergänzen einander und bieten wechselseitig in der gymnasialen Oberstufe ihren Schülerinnen und Schülern die Erweiterung der Kombinations- und Wahlmöglichkeiten von Kursen.

Unsere Schule
Private Töchterschule (1828) - Städt. Töchterschule (1858)
Auguste-Viktoria-Schule (1904) - Bavink-Gymnasium (1947)
Gymnasium am Waldhof (ab 1996)

Das erste Abitur 1914

Mir wurde geschrieben, ich möchte aus grauer Vorzeit berichten. Fünfzig Jahre bedeutet sicherlich Vorzeit, aber grau war diese Vorzeit der Kaiserin­ Auguste-Viktoria-Schule nicht.
Unsere „Studienanstalt" war modern; sie war großzügig und tolerant in jeder Richtung. Alles Kleinliche wurde abgelehnt. Der Unterricht war aus­gezeichnet - wir folgten ihm mit großem Interesse. Die Hausarbeiten wurden daher in kurzer Zeit erledigt. Bei einer Umfrage vom Provinzial-Schul­kollegium einigten wir uns schnell auf zwei Stunden häuslichen Arbeitens.
In weltanschaulicher Hinsicht herrschte völlige Freiheit. Die Tochter von Carl Severing - einige Jahre jünger als wir - war genauso angesehen wie meine Mitabiturientin Agnes Justus, die nach ihrem Studium in ein Kloster eingetreten ist.
In Latein wurden wir von Herrn Oberlehrer Cardinal geschliffen. Wir hatten pro Woche 6 Stunden Unterricht: am Montag und Donnerstag je 1 Stunde, am Dienstag und Freitag je 2 Stunden; letztere wurden benutzt für schrift­liche Arbeiten. Jede Woche gab es eine Klassenarbeit, meist Deutsch-Latein; seltener Texte, hin und wieder einen Aufsatz. Im Abitur wurden 10 Oden von Horaz auswendig verlangt. Herr Cardinal würzte uns den Unterricht mit dem „Horatius travestitus" von Christian Morgenstern. Während der Arbeiten durften wir fragen; wurde es Herrn Cardinal zuviel, kam die lakonische Antwort: „et heißt und". Er entließ uns 1914 mit den Worten: „Erzählen Sie, daß Sie sogar bis zu Tibull-Catull-Properz vorgestoßen sind, einer Lektüre, die auf Knaben-Gymnasien nicht mehr gebracht wird".
Herr Dr. Mönkemeyer war mehr Dozent als Lehrer. Erst später beim Studium haben wir eingesehen, welch' große Kenntnisse in den Naturwissenschaften er uns vermittelt hat. Der Geschichtsunterricht war sehr modern. Wir hatten in der Prima Bürger­kunde. Wir besuchten die Stadtverordneten-Sitzungen. In der Tagespresse wurde dann das Erscheinen junger Damen auf den Rängen unter Führung eines Herrn gebührend vermerkt. Herr Oberlehrer Dr. Bauer schulte uns auch politisch. Wir bildeten in der Klasse ein Parlament; jeder konnte seine poli­tische Meinung ungefragt äußern.
Den Deutsch-Unterricht erteilte Herr Direktor Dr. Kämmerer selbst. Wir wurden zu einer kurzen, sachlichen, formschönen Ausdrucksweise erzogen. Unter einem meiner Aufsätze stand die Bemerkung „Kaffeeklatsch". Es gab Tränen; aber damit war ich für mein Leben wenigstens von allen schriftlichen blumenreichen Tiraden kuriert.
Von Fräulein Kaysel sagte der Direktor, sie sei seine beste Lehrkraft. Ihre Stunden waren immer interessant. Es war ganz gleichgültig, ob sie den „Hamlet" besprach oder ob sie uns englische Phonetik erklärte. Ich glaube nicht, daß eines ihrer Worte verlorengegangen ist. Von der Erlaubnis, den Unterricht 10 Minuten früher zu verlassen, wurde in ihren Stunden von den Auswärtigen wenig Gebrauch gemacht. Wir kamen lieber bis zu zwei Stunden später zu Hause an.
Unserem Mathematiklehrer, Herrn Professor Bavink, brauche ich mit ärm­lichen Worten kein Denkmal zu setzen. Er steht in Erz gegossen in „seiner" Schule.
Während der wöchentlichen dreimal stattfindenden Turnstunden trugen wir die üblichen weiten Pumphosen. Jeden Morgen nach der großen Pause machte die ganze Schule 10 Minuten Freiübungen. Monatlich gab es einen Wandertag, und im Sommer eine „Turnfahrt". Wir besichtigten allerdings nicht die Tempel von Paestum, wo ich vor einigen Jahren eine Oberprima aus Han­nover traf; wir waren glücklich über eine Weserfahrt. Die Wandervogel­ Bewegung ging an uns vorbei; die uns folgende Klasse war ihr ganz ver­schrieben.
Wir mußten brechen mit der allgemeinen Vorstellung vom deutschen Gretchen. Die Vollakademikerin wurde geschaffen. Wir haben alle ein aka­demisches Staatsexamen abgelegt, außer Martha Uflerbäumer, die bald nach dem Abitur den weltbekannten Chemiker Dr. Normann heiratete. Gleichwohl waren und blieben wir junge Mädchen. Wir trugen keine blauen Strümpfe; im Gegenteil: wir erschienen eines Morgens alle in roten Blusen. Jeder Lehrer lächelte; eine Uniformierung verstieß ja nicht gegen die Schulordnung. Nur das Tragen von bunten Mützen, das eines Tages so sehr begehrt wurde, wurde uns vom ersten Direktor, einem Schulrat, verwehrt. Im Abitur erschienen wir in schwarzen Samtkleidern. Einer der prüfenden Herrn vom Kollegium meinte: „Ach, meine Damen, wenn Sie doch immer so elegant gewesen wären, ich hätte Sie noch einmal so gern unterrichtet".
Wir gehörten zu den ersten Oberprimen einer Studienanstalt realgymnasialer Richtung, die das Abitur ablegte. Wir wurden in allen Fächern auch mündlich geprüft und mußten sämtlich das Examen bestehen, damit die Schule aner­kannt wurde. Das Examen fand statt in den letzten Februartagen des Jahres 1914; die Anerkennung durch Verfügung des Ministers trägt das Datum „28. März". Die Zeugnisse wurden uns später per Post zugeschickt. Eine Ent­lassungsfeier hat leider nicht stattgefunden und ebenso bedauerlich ist es gewesen, daß in den ganzen 50 Jahren nicht ein einziges Mal ein Treffen der „alle Neune" (wir waren 9 Abiturientinnen) verabredet worden ist.
(Unsere Schule 1963/64 S. 5, Stadtarchiv Bielefeld)

(Westf. Zeitung 6. April 1914) Elisabeth Piepenbrock, O I 14

Die Liste der ersten Abiturientinnnen 1914: 
Anna Jaspers, Agnes Justus, Viktoria Klarhorst, Gertrud Klostermann, Käthe Klostermann, Ina Kranefuß, Elisabeth Piepenbrock, Dr. Karl Mönkemeyer, Dorothea Schmidt, Martha Uflerbäumer 

Viktoria Klarhorst, verheiratete Steinbiß, wurde Ärztin. Dr. Viktoria Steinbiß gehörte zu den 1946 von der britischen Militärregierung ernannten, später von der Bürgerschaft gewählten Ratsmitgliedern und war von 1949–1966 (?) Abgeordnete des Deutschen Bundestages.

Rückblick auf die Bavink-Diskussion

1. Nach der Umbenennung

Aus pragmatischen und politischen Gründen wird der Faden gesellschaftlicher Diskussionen an einem bestimmten Punkt abgeschnitten und der argumentativen Auseinandersetzung wird dezisionistisch durch das Mehrheitsprinzip ein Ende gesetzt. Der Rat der Stadt Bielefeld hat mit seiner Entscheidung vom 23.05.1996, die Bavink-Schule, die diesen Namen seit 1947 trug, in Gymnasium am Waldhof umzubenennen, einen sichtbaren Schlußstrich unter eine Debatte gezogen, die seit Herbst 1991 die Gemüter erhitzte und polarisierte. Die Verhältnisse sind übersichtlich geworden. Nach dem Versuch einer geistigen und historischen Neubesinnung, die die orientierungsbedürftige Nachkriegszeit mit der Wahl des Namens «Bavink-Gymnasium» wagte, sind wir bei der nüchternen geographischen Ortsbestimmung angelangt. Wir haben also nicht nur die Koordinaten, sondern das Koordinatensystem selbst gewechselt.Was auf den ersten Blick als lokaler Streit um die Integrität einer Person, ihres Lebenswerks und ihres Symbolwerts erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als Bestandteil einer öffentlichen Auseinandersetzung, in der es im Kern um den Grundkonsens, die Fundamente unseres Zusammenlebens und die Werte geht, die in unserer Gesellschaft Vorrang haben sollen. Dauerhafter Bezugspunkt der aktuellen Debatten ist unsere gemeinsame Erblast, die NS-Vergangenheit, die sich einerseits durch klare Abgrenzung identitätsstiftend auf unsere Gegenwart auswirkt, andererseits aber im Hinblick auf Formen des kollektiven Erinnerns und des Gedenkens an einzelne Personen stets neue Impulse für Kontroversen bereithält. Dieses Nachwirken des Dritten Reiches in Grundsatzdebatten über unser ethisch - politisches Selbstverständnis rückt die Diskussion um den Namen unserer Schule inhaltlich in einen Zusammenhang mit dem Disput über das Holocaust - Denkmal, der These Goldhagens von der kollektiven Verantwortung der Deutschen für die Vernichtung der Juden und dem erbittert ausgetragenen Streit um die Ausstellung über den «Vernichtungskrieg» der Wehrmacht. 

2. Berechtigung und Fragwürdigkeit der Kritik

Wo ethische Selbstverständlichkeiten zerbrochen sind, wo ein verbindlicher, alle verbindender Wertekanon nicht mehr evident ist, muß ein kritischer Selbstverständigungsprozeß über diese Grundfragen stattfinden. In der Auseinandersetzung um Bavink geriet das gemeinsame Interesse an einer unaufgeregten Aufarbeitung der Vergangenheit, die ja dem Ziel einer besseren Gegenwart und Zukunft dienen sollte, den beteiligten Seiten bisweilen aus dem Blick. Die eifrigen Befürworter einer Namensänderung verstanden sich selbst als Avantgarde der Aufklärung und bedienten sich entsprechend im Arsenal der Sprache der «Mündigkeit». Ihre Leserbriefe verlangen die «offene Auseinandersetzung», «eingehende Prüfung», die «von demokratischem Geist getragene Diskussion», «Verantwortung» und die Vermeidung eines «Glaubenskriegs». Werden die Verfasser selbst diesen Ansprüchen gerecht? Wo bleiben «Verantwortung» und «eingehende Prüfung», wenn unhaltbar von «den Verbrechen, die sich mit dem Namen Bavink verbinden» oder «antisemitischen Schriften» Bavinks die Rede ist? Der Standpunkt der Kritik wandelte sich hier gelegentlich in ein voraufklärerisches, ideologisch fixiertes Bewußtsein, das die Begrenztheit der eigenen Einsicht durch selektive Wahrnehmung und Berufung auf Autoritäten zu kompensieren versuchte, indem es sich auf den «namhaften Wissenschaftler» oder den «renommierten Jugendforscher» berief. Diese Haltung hat sicherlich den notwendigen Diskurs erschwert, weil ohne Not die Zögerlichen als Lernunwillige und Ewiggestrige, die Bavink - Kritiker umgekehrt als selbstgerechte Moralisierer erschienen. Wo ernsthaft der Frage nach einer persönlichen Schuld nachgegangen werden müßte, die Bavink durch seine Teilnahme an der eugenischen und rassenhygienischen Diskussion der Weimarer Republik auf sich geladen haben könnte, wird der Öffentlichkeit undifferenziert ein Sündenbock ausgeliefert, der sich "disqualifiziert" habe. Hier zeigt sich die Gefahr einer "Dialektik der Aufklärung", weil die berechtigte antifaschistische Offensive in einen unkritischen neuen Wertemonismus umzuschlagen droht. So gehen die verbalen Rituale der Aufklärung mit der Praxis der Ausgrenzung und Repression einher. 

3. Wer ist als Vorbild tauglich?

Bavink, so heißt es, sei als Vorbild untauglich geworden, weil er durch seine offensiv vertretene proeugenische Position, seine organische Staatsauffassung und den NSDAP - Beitritt im Jahre 1933 als «Wegbereiter des Nationalsozialismus» anzusehen sei. Derjenige, der Bedenken gegenüber diesem Standpunkt äußert, könnte leicht Gefahr laufen, als Verharmloser oder Apologet zu erscheinen, weil dort, wo Verstrickung in den Nationalsozialismus diagnostiziert wird, kaum noch die Möglichkeit der Rechtfertigung, vielmehr ein permanenter Zwang zur Abgrenzung besteht. Diese Abgrenzung, die mit dem Nachdenken über Schuld, Verantwortung und unsere heutigen Ziele einhergeht, dieser antitotalitäre und antifaschistische Konsens, ist konstitutiver und unverzichtbarer Bestandteil unserer politischen Ordnung. Dennoch dürfen Enthüllungen einer wissenschaftlichen und politischen Biographie nicht zu Hetzjagden führen, sondern die Bürger sollen sich «über die kulturelle Matrix eines belastenden Erbes Klarheit verschaffen, um zu erkennen, wofür sie gemeinsam haften und was gegebenenfalls von den Traditionen, die damals einen verhängnisvollen Motivationshintergrund gebildet haben, noch fortwirkt und der Revision bedarf» (J. Habermas). Um nicht der Scheinheiligkeit, der Selbstgerechtigkeit und moralischer Überheblichkeit zu verfallen, sollten wir alle Aspekte einer Biographie, die uns zugänglich sind, berücksichtigen, nicht nur die, die unser vorgefaßtes Urteil bestätigen. Wenn wir monieren, daß Bavinks Eintreten für eugenische Maßnahmen zur «Verbesserung» des Erbguts und zur Förderung «hochwertiger Nachkommenschaft» den «Maßstäben unserer Zeit» nicht mehr entspreche, ja im Rückblick einer verhängnisvollen Mentalitätsgeschichte angehöre, so dürfen wir andererseits nicht unterschlagen, daß Bavink eben nicht den Weg bequemer Anpassung an die nationalsozialistischen Dogmen ging, sondern sich unter dem Schutzmantel seiner wissenschaftlichen Integrität mutig der nationalsozialistischen Vereinnahmung widersetzte und so das repräsentierte, was wir Schülern heute nahebringen sollten: Zivilcourage. Wir sollten auch das respektieren, was unseren Denkmustern widerstreitet: Die wissenschaftliche und politische Tradition, der Bavink angehörte, führte in der besonderen Biographie nicht zwangsläufig zur Untertanenmentalität. Bavink war gerade kein Karrierist um jeden Preis, kein «williger Vollstrecker», war weder von Obrigkeitshörigkeit noch von Kadavergehorsam geprägt. Daher kann er in dieser Hinsicht heute durchaus noch als Vorbild gelten, aber als eines, das in seiner verwickelten Biographie die Spuren seiner Zeit nicht verbergen kann. Wenn wir aus rücksichtslosem Purismus und moralischem Eifer solche gebrochenen Lebensläufe heute in Bausch und Bogen verdammen, versagen wir uns manche Einsichtsmöglichkeit über Menschen und Zeiten, von denen wir nicht wissen, wie wir uns damals verhalten hätten. Wie sollen wir mit Martin Niemöller umgehen, der meinte, daß die Juden alles vergifteten, was sie berührten, und wie mit dem Münchener Philosophieprofessor Kurt Huber, der zum Kreis um die "Weiße Rose" gehörte und noch in seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof am 19. April 1943 die «Rückkehr zum wahren germanischen Führerstaat» als «Gebot der Stunde» ausgab und Forderungen unterstützte, «die die Partei (NSDAP) noch vor zehn Jahren mit Recht gestellt hat». Zu wünschen ist, daß die Namensänderung nicht als folgenloser Sieg einer Seite auf einem ideologischen Kampfplatz verbucht wird, sondern die am Streit Beteiligten uns, Lehrer, Schüler und Eltern, nach der Destruktion eines «Denkmals» jetzt auch konstruktiv bei der Suche nach dem, «was das Gute sei» (Sokrates) unterstützen. 

Rainer Detmer